Geschichte & Tradition

1867 bis heute

1798 bis 1866

Rudolf Brun

11. bis 13. Jahrhundert

1867 bis heute
Die Zünfte der jüngeren Linie entstanden, Zuzüge aus Stadt und Vorstadt führten zur aktuellen Anzahl. Die Ausstellung Zunftstadt Zürich zeigt den Weg.

 

Stadtzunft und Quartierzünfte

Dass für neue Zünfte ein echtes Bedürfnis bestand, ergibt sich aus der Tatsache, dass unmittelbar nach dem Schwinden jeglichen politischen Einflusses 1867 spontan eine Gesellschaft entstand, um «den gleichen Zwecken zu dienen wie die alten Zünfte». Dieser «Stadtzunft», wie sich die neue Gesellschaft nannte, folgten dann weitere Zünfte «der neuen Linie», die meisten in zwei Schüben, nämlich im Zusammenhang mit den Eingemeindungen von 1893 und 1934. Die Gründerväter der Quartierzünfte wollten sich einerseits bewusst zur Stadt bekennen, anderseits aber auch die Erinnerung an die ehemaligen Gemeinden wach halten.

 

Zunftstadt Zürich

Zunftstadt Zürich begeistert mit einer einzigartigen, audiovisuellen Ausstellung. Unser Rundgang führt durch drei historische Räume: Den Lochmannsaal, die Steiner-Waser-Stube und die Zunftmeisterstube. In der Ausstellung ohne Ausstellungsgegenstände erfahren die Besucherinnen und Besucher auf kurzweilige Art mehr zur Zürcher Geschichte.

Eine Ausstellung ohne Ausstellungsgegenstände.

Wie viel Zunftwesen steckt in der Stadt Zürich? Vergleichen Sie Gegenwart mit Vergangenheit. Besuchen Sie den Empfangssaal eines Zünfters, unternehmen Sie eine Schifffahrt in eine vergangene Zeit. Tauchen Sie mit einem Zürcher Bürgermeister in eine Zeit ein, als Geschenke an Beamte noch erlaubt waren! Erleben Sie in den historischen Räumen bewegte und bewegende Bilder der Zürcher Geschichte bis in die Neuzeit – faszinierend, unterhaltsam, spannend und lehrreich.

 

Geschichtlicher Hintergrund Kinderumzug

Verglichen mit der Geschichte des Zunftwesens ist der Kinderumzug vergleichsweise jung: Der erste zünftige Kinderumzug oder, genauer gesagt, der erste Knabenumzug fand im Jahr 1862 statt. Organisator war der Widder-Zünfter Heinrich Cramer. Festivitäten oder Umzüge zur Feier des Frühlingsbeginns hatte es schon vorher gegeben. Die Mädchen waren erst beim zweiten Jugendumzug von 1867 dabei. Interessant war in dieser frühen Periode der Umstand, dass nicht nur die Zünfte, beziehungsweise das „Sechseläuten-Central-Comité“ als Organisatoren in Erscheinung traten sondern auch die Nachbarngesellschaft im Kratz-Quatier, der Rennwegverein oder die Quartiervereinigung Selnau. Eine der grossen Attraktionen an den damaligen Kinderumzügen war übrigens die Verbrennung des Bööggs, den man auf einem Wagen mitführte.1896 war es dann (endlich) so weit: Das Central-Comitée übernahm den Kinderumzug in eigener Kompetenz. In dieser Pionierphase war der Kinderumzug weniger eng mit der Geschichte und Traditionen der einzelnen Zünfte verbunden, vielmehr enthielt er noch wesentliche Elemente von den damals beliebten Themenumzügen, etwa mit Figuren aus den Märchen der Brüder Grimm.Bis ins Jahr 1920 fand der Kinderumzug weiterhin am Montagmorgen statt. Ziel war fast das gleiche wie heute: die Tonhalle, wo die Kinder nach dem Umzug eintrafen, wurden Wurst, Brot und Tee offeriert. Offensichtlich waren die Kinder damals ausgesprochen fit: Kaum verpflegt tanzten sie bis gegen Mittag. 1921 wurde der Kinderumzug auf den Sonntagnachmittag verlegt. Ein Zeitpunkt, der sich bis heute bewährt hat, haben doch namentlich die kleineren Kinder Gelegenheit, sich bis zum Zug der Zünfte am Montag, etwas auszuruhen.In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Kinderumzug im Sinne einer Annäherung an das kulturelle Erbe der verschieden Zünfte weiter. Die Elemente der Themenumzüge konnten sich aber noch viele Jahre halten. Noch 1958 schrieb Edwin Arnet, Chronist der Neuen Zürcher Zeitung: „Auf den Fahnenwald der ehemaligen Nachbargemeinden des alten Zürich folgt der Tross des Mittelalters mit Herolden, Hofnarren und Edelleuten und dann das Heer der Schweizer Trachten. Nach der schönen Gruppe ‚Zürcher Zünfte’, in der die kleinen Zunftfahnen, die Jungen der wirklichen Fahnen flattern und das aristokratische Zürich andeuten, wird das Märchenbuch aufgeschlagen, und man sieht Trachten aus aller Welt, womit vor allem der Wilde Westen und der Ferne Osten gemeint sind.“1962 organisierte das ZZZ den Kinderumzug als Jubiläumsumzug zum 100sten Geburtstag des ersten Knabenumzugs. Über 3500 Kinder nahmen nebst Hunderten von Musikanten und Begleitpersonen am festlichen Zug teil. In den kommenden Jahrzehnten war der Kinderumzug immer wieder eine Institution, bei der man ohne weiteres eine Erneuerung wagte. Der Kinderumzug hat sich mit seiner Offenheit für alle Kinder aus Stadt und Kanton Zürich und mit seiner Integration der ausländischen kulturellen Gruppen als fulminanter Auftakt zum Sechseläuten für die gesamte Bevölkerung etabliert. Früher wurde er nur bei schönem Wetter durchgeführt, wobei die Beflaggung der Kirche St. Peter das Zeichen für die Durchführung war. Heute findet der Umzug bei jeder Witterung statt.

 

Plakate, Postkarten, Kostümentwürfe und Alben

Vater und Sohn Boscovits als Sechseläutenzeichner

 

Seit vielen Jahren besteht der Sechseläutenumzug im aktuellen Stil, etwas anderes wäre für uns nahezu unvorstellbar – wenn nicht gerade eine Pandemie seine Durchführung verunmöglicht. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt indes, dass die Umzüge sich häufig wandelten. Im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts experimentierte man mit unterschiedlichen Ideen, besonders glanzvoll in Form von Themenumzügen und im Zusammenhang mit damals aktuellen Ereignissen.

Weil die Themen immer wechselten, konnte man nicht auf bestehende Formationen und Kostüme zurückgreifen, sondern musste den Festzug mit enormem Aufwand eigens für den einen Tag jedesmal neu konzipieren. Derart grosse Projekte waren nicht jedes Jahr möglich, weshalb Themenumzüge bloss alle paar Jahre und in unregelmässigen Abständen stattfanden. Das Zentralkomitee der Zünfte arbeitete dafür mit Künstlern zusammen. Künstler brauchte es, um sich dieses noch nie Dagewesene vorzustellen und es in Zeichnungen festzuhalten, die dann in die Realität umgesetzt wurden.

 

 

Ein Künstler, der länger für das Sechseläuten arbeitete und mehr Zeichnungen anfertigte als jeder andere, war Friedrich Boscovits. Wie sein Name verrät, war er kein alteingesessener Zürcher. Im Gegenteil – als er 1870 seine ersten Aufträge für das Sechseläuten erhielt, war der gebürtige Ungare eben erst via Wien und München nach Zürich gekommen. Doch mit einem Studienabschluss der Wiener Kunstakademie in der Tasche und einem Schwerpunkt auf Historienmalerei war der junge Maler genau der Richtige für die Aufgaben, die ihn bei den Zünften erwarteten. Fortan war er an praktisch allen Themenumzügen in irgendeiner Weise beteiligt, solange diese existierten, also bis zum Ersten Weltkrieg.

 

Boscovits liess sich in Zürich nieder, gründete mit einem Freund zusammen die Satirezeitschrift Nebelspalter und wurde Bürger der Stadt. Noch vor seiner Einbürgerung jedoch nahm ihn die Zunft zum Widder als Mitglied auf – ein Ausländer als Zünfter! Und das war sogar erst der Anfang, denn später stieg er in den Vorstand der Widder auf, war Delegierter im Zentralkomitee und wurde dort in die künstlerische Kommission gewählt.

… (Fortsetzung des Artikels im Download)

Regula Schmid, Nachlass Boscovits

 

Weitere Infos

1798 bis 1866

Nach dem Einmarsch der Franzosen unter Napoleon Bonaparte verloren die Zünfte nach 462-jähriger Vorherrschaft die politischen Rechte in Zürich.

 

Einmarsch der Franzosen

1798, nach 462 jähriger Vorherrschaft der Zünfte in der Stadtstruktur, lösten Franzosen nach ihrem Einmarsch unter der Devise «Liberté, Egalité, Fraternité» und der Gewerbefreiheit die politischen Zünfte auf. Die Zünfte verkauften mit wenigen Ausnahmen ihr Zunfthaus. Auch der Silberschatz wurde veräussert oder unter den Zünftern aufgeteilt. Die Handwerksvereinigungen blieben noch bestehen, sie gingen mit der Gewährung der Gewerbefreiheit und der Liberalisierung des Handels in den Dreissigerjahren des 19. Jahrhunderts unter. Allerdings hatte man nach fünf Jahren politischer Unsicherheit die Zünfte als Wahlgremien wieder eingesetzt, auf der Landschaft wurden die sogenannten Wahlzünfte gebildet, und so erhielt das Wort Zunft in Zürich im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für einen Wahlkreis auch eine zusätzliche Bedeutung.

Biedermeier

In der Zeit des Biedermeiers, als politische und berufsbezogene Aufgaben fehlten, suchten junge Zünfter innerhalb ihres Kreises neue Betätigungen. Ab 1818 begannen sie mit einfachen nächtlichen Umzüglein, die sich auch in den folgenden Jahren wiederholten, 1830 erstmals bei Tag. 1838 ersetzten neue politische Strukturen die Wahlkreise und bei der Gemeindereform von 1866 verloren die Zünfte die letzten politischen Rechte. Seither bilden die Constaffel und die Zünfte Vereinigungen, «in welchen der alte Kern der Bürgerschaft die Liebe zur Vaterstadt, zur engern und weitern Heimat, einen gut bürgerlichen Sinn und das Verständnis für alte zürcherische Sitten, Gebräuche und Feste wachhält und pflegt». Kurz: Vereinigungen von Männern mit ähnlichen traditionellen Interessen.

  • Rudolf Brun
  • Die Handwerkerrevolution in der Stadt führte zur Brunschen Zunftverfassung. Constaffel und 12 Zünfte regierten Zürich. Die Mordnacht 1350 misslang.

Handwerkerrevolution

Am 7. Juni 1336 kam es zur «Handwerkerrevolution» in der Stadt Zürich. Unter Führung des jungen Ritters Rudolf Brun stürmten Handwerker und Krämer das Rathaus. Die vorgewarnten Ratsherren flohen, hauptsächlich nach dem habsburgischen Rapperswil. Innert kürzester Zeit hatte Brun eine Zunftverfassung nach dem Vorbild des «Schwörbriefes» der Stadt Strassburg aus dem Jahre 1334 ausgearbeitet, in welcher er die Machtverhältnisse in der Stadt Zürich neu regelte. Die bestehenden Korporationen wurden neu formiert, neu gruppiert und zu Zünften als feste Organisationen zusammengefasst. So kam es, dass auch Berufsgruppen, die miteinander wenig oder nichts zu tun hatten, der gleichen Zunft zugeteilt wurden. Ein typisches Beispiel ist die Zunft zur Meisen, die Wirtsleute, Sattler und Maler umfasste. Die Zünfte waren wirtschaftliche, politische und militärische Organisationen. Aus ihren Vertretern wurde der Rat gebildet. Nur über die Zünfte konnte ein Bürger in den Rat gelangen. Der Ausdruck «Die Zünfte sollen haben ein Banner» entsprach ihrer militärischen Bedeutung und Struktur. Im Gegensatz zu den meisten anderen Zunftstädten Europas, in denen der Klerus oder der Adel über den Zünften standen, bildeten in Zürich die Zünfte und ihre Vertreter die oberste politische Machtstruktur. In den Zünften mussten sich die einzelnen Handwerke selber organisieren; sie hatten ihr eigenes Gefüge. Die Obmänner waren als Vorsteher ihres Handwerkes, z. B. der Maurer, Zimmerleute, Maler, Sattler oder Goldschmiede, verantwortlich. Die Handwerke regelten in ihren Ordnungen auch die Ausbildung der Lehrlinge, die Wanderzeit der Gesellen, sorgten für Qualitätskontrollen und hatten gegenüber ihren Mitgliedern auch soziale Funktionen.

Constaffel und Zünfte regieren Zürich

Nach der Brunschen Zunftverfassung stellten die 13 Zünfte mit ihren (amtierenden) Zunftmeistern neu die eine Hälfte des kleinen Rates. Die alten Ritter, Edelleute und die Brun treugebliebenen Grosskaufleute vereinte er in der vornehmen Gesellschaft der «Constaffel». Sie bildeten die Kavallerie, waren für den persönlichen Schutz des Bürgermeisters verantwortlich und schickten 13 Vertreter in den Rat. Zusammen mit dem Vorsitzenden Brun – welcher ebenfalls der Constaffel angehörte – besassen sie immer die Mehrheit.

Neben dem Kleinen Rat gab es noch den Grossen Rat, den sogenannten Rat der 200. Dieser setzte sich aus den zwei Zunftmeistern und Vertretern der Gesellschaft zur Constaffel und der Zünfte zusammen (jede Zunft hatte zwei Zunftmeister, welche sich halbjährlich im Amt ablösten). Die Gesellschaft zur Constaffel hatte 18 und jede Zunft 12 Delegierte; dazu von jeder Zunft zwei Zunftmeister und von der Gesellschaft zur Constaffel vier Constaffelherren. Ein Sitz war wiederum vom Bürgermeister besetzt. Die restlichen Sitze gingen an vom Rat selbst zugewählte Bürger.

Nur den Mitgliedern im Rat waren die wichtigsten Posten z. B. Landvogt usw. vorbehalten. Daneben gab es die sogenannten «Gemeinen Bürgerlichen Ämter und Dienste», die an einfache Stadtbürger vergeben wurden, wie Nachtwächter, Brunnenmeister, Stadtimker, Stadttrompeter, Uhrenrichter usw.

Die Zürcher Mordnacht

1350 versuchten die aus Zürich verbannten Räte von Rapperswil aus in der «Zürcher Mordnacht» vom 23. auf den 24. Februar Brun und seine Neuordnung zu stürzen. Der Anschlag auf Brun und seine Anhänger misslang, der Sage nach vor allem dank dem heroischen Eingreifen der Zunft der Metzger. 15 Verschwörer fielen, 35 wurden gefangen. Von diesen liess Brun 17 enthaupten und die übrigen rädern.

11. bis 13. Jahrhundert

Ursprünglich waren Zünfte verboten und Handwerker geduldet. Die Macht lag beim Rat von Rittern und freien Burgern.

Rat von Rittern und Burgern

Nach Jahrhunderten der Stagnation erlebte Europa vom 11. bis 13. Jahrhundert eine Phase des Aufschwungs. Die Bevölkerung wuchs in starkem Masse; Wirtschaft, Handel und Verkehr blühten. In diesem Umfeld entstanden in ganz Europa aus ursprünglich religiösen Bruderschaften sogenannte Handwerksvereinigungen, Innungen, Gilden, Korporationen und Meistergruppen, welche die Interessen ihres Gewerbes oder Standes vertraten. Ein Marktrecht, städtische Verhältnisse und ein möglichst guter Verkehrsstandort waren die Voraussetzungen für solche Gründungen. Im Verlaufe des 12. und 13. Jahrhunderts versuchten sich diese Vereinigungen auch politisch zu betätigen und Einfluss auf das Regiment zu nehmen, was aber nur teilweise gelang. In Zürich wurden diese Bestrebungen ganz energisch zurückgebunden. Die Stadt wurde durch einen Rat von Rittern und freien Burgern regiert, welche grosse wirtschaftliche Macht besassen, die sie zu Ungunsten der Kleinhändler und Handwerker gnadenlos ausnutzten, um ihren Einfluss mehr und mehr auszudehnen.